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Der blinde Fleck der psychischen Gesundheit

16. Oktober 2017 - 13:09

Immer dann, wenn wir etwas genauer unter die Lupe nehmen, oder „in den Fokus“, wie es oft heißt, verschwimmen die Informationen, die sich um das Beobachtete herum befinden. Dann nehmen wir sie auch nicht mehr wahr.

Nein, es geht nicht um die Magier, die unseren Fokus dergestalt zu beeinflussen in der Lage sind, dass wir die optische Täuschung nicht wahrnehmen können.

Es geht um die psychische Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung.

Und da gibt es einen blinden Fleck.

Vor lauter, vielfach berechtigter Kritik am Verhalten der Führungskräfte und dem Verweis darauf, welche Folgen dies für die psychische Gesundheit deren Mitarbeiter hat, wird ein wesentlicher Punkt oft nur beiläufig oder gar nicht angesprochen oder untersucht.

Oder kennen Sie eine Studie darüber, welche Folgen für die psychische Gesundheit die innere Einstellung der Mitarbeiter hat?

Ein Beispiel liefert der am 13.10. bei LinkedIn veröffentliche Beitrag „Wie schlechte Führungskräfte ihre Mitarbeiter krank machen.“

https://www.linkedin.com/pulse/wie-schlechte-f%C3%BChrungskr%C3%A4fte-ihre-mitarbeiter-krank-machen-follmann/

Der Beitrag berichtet vom „AOK Fehlzeiten-Report“.   Und gemäß Titel nimmt der Artikel die Führungskräfte in die Pflicht und benennt sie als Verursacher psychischer Erkrankungen der Mitarbeiter.

Negative Arbeitsatmosphäre, grobe Führungsfehler, schlechte Unternehmenskultur u.v.a.m. werden schlagwortartig als Ursache benannt.

Ja, all dies sind Ursachen psychischer Belastungen, dem werden wir nicht widersprechen. Es ist aber nur Teile des Gesamtbildes. Dieser Teil erscheint bedeutsam, da seit Jahren das Verhalten von Führungskräften im Fokus steht und unterschiedlichste Studien dafür auch Belege liefern.

Führungskräfteentwickler (also auch wir von mc² mittelstand consult) und Berater ziehen diese Studien gerne dazu heran, ihre Dienstleistungen an den Mann zu bringen, also für Ihre Dienste zu werben.

Es gibt ein Unterscheidungsmerkmal für die Professionalität dieser Zünfte: Schließen sie sich dem üblichen Führungskräfte-Bashing an, oder vertreten sie ein differenzierteres Bild, dass die Leistungen der Führungskräfte würdigt und die Rolle der Mitarbeiter mit in die Betrachtung einbezieht?

In dem oben zitierten Beitrag ist nur an einer Stelle, bei einer Aufzählung, in der man diesen Aspekt leicht überlesen kann, der Blick auf das Ganze sichtbar.

„….schliesslich ist bekannt, dass sich eine positive Umgebung sowie Lebenseinstellung auf die Gesundheit auswirken können……..

Die große Bedeutung der grundsätzlichen Lebenseinstellung der Mitarbeiter für ihre eigene psychische Gesundheit wird hier so sehr am Rande gestreift, dass nur der aufmerksame Leser diesen Aspekt als relevant erkennen kann.

Und hier genau befindet sich der blinde Fleck des derzeitigen Umgangs mit dem Thema „Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“. Die Rolle, die die eigene Lebenseinstellung für die Gesundheit einnimmt, wird vielleicht in alternativen Kreisen diskutiert und mit Angeboten zur eigenen Entwicklung versehen.

Wenn aber das Thema in Bezug auf die Arbeitswelt diskutiert wird, stehen Führungskräfte – die an allererster Stelle – und die sonstigen Arbeitsbedingungen im Fokus.

Und da werden doch tatsächlich Führungskräfte dafür verantwortlich gemacht, dass Mitarbeiter glücklich sind. Wenn also Mitarbeiter eine negative Lebenseinstellung haben, dann sind Führungskräfte verantwortlich dafür, diese Mitarbeiter glücklich zu machen.

Psychologisch betrachtet erklärt man also Führungskräfte dafür verantwortlich, quasi die Elternrolle zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass Mitarbeiter glücklich sind.

Das ist für Führungskräfte eine Zumutung und stellt gleichzeitig eine Entmündigung der Mitarbeiter dar, denen nicht zugemutete werden kann, selbst Verantwortung für die eigene Lebenseinstellung zu übernehmen.

Die Verantwortung für die psychische Gesundheit exklusiv dem Arbeitgeber und den dort tätigen Führungskräften zuzuweisen ist ein Irrweg!

 

 

 

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